Kampf gegen Bombenlast
Brandenburgs Innenminister, Dr. Jan Redmann, hat sich heute im Rahmen eines Vor-Ort-Termins ein umfassendes Bild von der außergewöhnlich hohen Kampfmittelbelastung der Stadt Oranienburg gemacht. Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges vermuten Experten noch immer mehr als 200 alliierte Bomben im Boden unter der 50.000-Einwohner-Stadt. Die meisten Blindgänger verfügen über einen chemischen Langzeitzünder und drohen von allein zu explodieren. Millionen Euro gibt die Stadt jedes Jahr für die Kampfmittelsuche aus.
An der Bombenräumstelle in Lehnitz informierten sich Innenminister Redmann und Oranienburgs Abgeordnete über die aktuelle Situation, Foto: Christian HoweNeben einem Fachaustausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadtverwaltung, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Brandenburg sowie der beteiligten Landes- und Kommunalakteure stand auch die Besichtigung einer aktuellen Räumstelle auf dem Programm. Noch im Laufe des Sommers soll in der Bachstelzenwiese eine weitere Weltkriegsbombe entschärft werden. Derzeit wird das Absenken des Grundwassers vorbereitet, haushohe Container schützen die umliegenden Wohnhäuser vor fliegenden Splittern im Fall einer Explosion. Vor Ort wurde eindrücklich deutlich, unter welchen komplexen Bedingungen die Kampfmittelräumung in Oranienburg erfolgt – insbesondere im Hinblick auf tief liegende Altlasten und die besondere Boden- und Grundwassersituation.
Oranienburg steht vor einer Daueraufgabe, die weit über die kommunale Verantwortung hinausgeht. „Der finanzielle und personelle Aufwand für die Kampfmittelsuche ist immens und allein nicht zu bewältigen“, so Bürgermeisterin Jennifer Collin-Feeder. „Gleichwohl unterstützt uns die Landesregierung sehr. Die Überführung der bisherigen Modellregion in eine Kompetenzregion war ein wichtiger Schritt, mit dem die erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre verstetigt und langfristig abgesichert wurde. Doch das allein reicht nicht aus. Die Stadt Oranienburg muss jedes Jahr mehr als rund zwei bis drei Millionen Euro für die Bombensuche aufwenden, um Begleitmaßnahmen, wie zum Beispiel die Grundwasserabsenkung, den Wachschutz oder Splitterschutzwände zu ermöglichen. Angesichts der angespannten Haushaltslage wird sich die Leistungsfähigkeit der Stadt Oranienburg bei der Bombensuche in den kommenden Jahren verschlechtern. Umso wichtiger ist es, weiterhin gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich hoffe, dass das Land aktiv für die außergewöhnliche Gefährdungslage Oranienburgs auf Bundesebene eintritt.“
Die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel für den „Nationalen Bodenschutz“ in Höhe von 7 Millionen Euro werden ausdrücklich begrüßt. Gleichzeitig besteht aus Sicht der Stadt dringender Bedarf an einer zügigen Umsetzung in konkrete Fördermechanismen, um Planungssicherheit für alle betroffenen Kommunen herzustellen.
Nicole Walter-Mundt (CDU), Landtagsabgeordnete, kommentiert: „Der heutige Vor-Ort-Termin hat noch einmal deutlich gemacht, vor welchen besonderen Herausforderungen Oranienburg bei der Kampfmittelsuche steht. Jede einzelne Räumung ist technisch aufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. Gerade die Grundwasserhaltung ist ein Beispiel dafür, welche finanziellen Lasten die Stadt zusätzlich aufbringen muss. Deshalb werden wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass das Land Oranienburg bei diesen kostenintensiven Begleitmaßnahmen verlässlich unterstützt. Gleichzeitig muss der Bund die angekündigten Mittel jetzt schnell und unbürokratisch verfügbar machen. Die betroffenen Kommunen brauchen Planungssicherheit – nicht irgendwann, sondern jetzt. Die Menschen in Oranienburg dürfen mit dieser besonderen historischen Belastung nicht allein gelassen werden.“
Björn Lüttmann (SPD), Landtagsabgeordneter, kommentiert: „Dass sich Innenminister Dr. Redmann nach Amtsantritt ein persönliches Bild von der Lage in Oranienburg macht, ist wichtig, da seine Unterstützung im Land und gegenüber dem Bund nötig ist. Die Beseitigung von Bombenblindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg ist keine Aufgabe, die Land und Stadt alleine schultern können. Für besonders kampfmittelbelastete Kommunen wie Oranienburg war es deshalb eine gute Nachricht, dass im Bundesumweltetat zusätzliche 7 Millionen Euro bereitgestellt wurden. Jetzt kommt es aber auf Tempo an, damit das Geld schnell vor Ort ankommt. Ich erwarte, dass Oranienburg bei der Verteilung nicht nur berücksichtigt, sondern als Schwerpunkt behandelt wird. Denn unsere Stadt trägt eine Belastung mit Langzeitzünderbomben, die es so in Deutschland kaum ein zweites Mal gibt.“
Hintergrund Kampfmittelsuche:
Oranienburg zählt bundesweit zu den am stärksten mit Kampfmitteln belasteten Städten.
Experten stufen die Stadt am Nordrand von Berlin als eine der am dichtesten bombardierten Flächen in Europa ein. Hintergrund ist, dass hier während der NS-Diktatur bedeutsame Standorte der Rüstungsindustrie bestanden. Nach aktuellen Schätzungen befinden sich noch immer mehr als 200 Bombenblindgänger im Stadtgebiet. Viele dieser Blindgänger verfügen über chemische Langzeitzünder, deren Materialzustand sich im Laufe der Jahrzehnte zunehmend verschlechtert hat. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Selbstdetonationen mit jedem Jahr weiter an. Seit Jahren werden daher große Teile des Stadtgebiets systematisch auf Kampfmittel untersucht. Regelmäßig müssen auch viel benutzte Bahnstrecken in Richtung Ostsee wegen der Suche nach Kampfmitteln gesperrt werden. Die Havel als Bundeswasserstraße ist ebenso oft betroffen. Seit Jahren kämpft Oranienburg für mehr Unterstützung angesichts der massiven Kosten.